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In diesem Blog sammele ich Geschichten, die mir erzählens- und mitteilenswert erscheinen. Sie sind alle so wahr, wie Geschichten eben wahr sind; lediglich die Namen der Beteiligten habe ich verändert.

Vielleicht finden diese Texte einen Platz in meinem nächsten Chanson-Programm, vielleicht finden sich auch andere Verwendungen. Vielleicht finden sich auch hier Leserinnen und Leser, die Gefallen an ihnen finden!

 

Angst und Ego

 (Matthias Binner, 1/2018)

"Angst und Ego", flüsterte ich während einer Theaterprobe der Regie-Praktikantin zu, "Angst und Ego sind die größten Feinde der Kunst".

Das ist zu wahr und zu weise, um mir selbst eingefallen zu sein; die Lorbeeren gebühren meinem lebenserfahrenen Friseur Danny, der nach der Lehre die Schauspielsschule absolviert und im Onlinestudium das neurolinguistische Programmieren erlernt hatte, mit einem Brustschwimm-Olympia-Sieger nach Kanada durchgebrannt und als Blumenhändler zurückgekehrt war und sich eine selige Sabbath-Zeit mit Yoga-Stunden und vermutlich nicht versteuerten Kollegenhaarschnitten finanzierte, bevor ihn der Fernseh-Serien-Ruhm rief. "Danny", hatte ich bei einem Haarschneidebesuch während einer früheren Kleinkunst-Produktion-Probenphase gejammert, "es ist alles da, ein Team, Termine, Etat, es könnte alles wunderbar sein, aber alles das scheitert nuuuuur an Angst und Ego, an nichts anderem." "Stop!", beschied Danny: "Nicht: NUR Angst und Ego. Angst und Ego sind die größten Feinde der Kunst; und seit Jahrtausenden suchen alle Kulturen nach Ritualen und Mitteln, sie zu überwinden."

"Angst und Ego sind die größten Feinde der Kunst", flüsterte ich also einige Jahre später der Regie-Praktikantin zu und wollte gerade fortsetzen, dass seit Jahrtausend alle Kulturen nach Ritualen und Mitteln suchen, sie zu überwinden, als mir auffiel, dass "Angst" und "Ego" leider tödlich treffende Spitznamen für die sich auf der Bühne mühenden Schauspieler abgaben. In der Rolle der "Angst" erläuterte eine lockige Kindfrau fortschreitenden Alters, es verursache ihr tiefes körperliches Unwohlsein, das aus mit Sofa-Stoff beklebten Pappwürfeln bestehende Bühnenbild berühren zu müssen. Der das "Ego" gebende Haudegen hingegen stand dem Konzept von Bühnenbild überhaupt ablehnend entgegen und beschuldigte die mit Sofa-Stoff beklebten Pappwürfel, sich unentwegt in den Mittelpunkt spielen zu wollen, der doch eigentlich ihm, dem Schauspieler vorbehalten sei.

In ähnlicher Weise waren schon zwei Probewochen ins Lande gezogen, die Regie-Assistentin ahnte und ich wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass dieser Produktion kein erfreuliches Ergebnis beschieden sein würde.

Szene um Szene, Stunde um Stunde und Probetag um Probetag erläuterte "Angst", warum sie diese, jenes und insbesondere folgendes nicht machen wolle und könne; "Ego" konterte damit, dass er seinerseits dies, das und allerlei anderes unbedingt und völlig unabhängig von allem anderen machen müsse.

Gelegentlich versuchte die Regisseurin, die Dinge mit hoher Stimme voranzubringen: "Also für mich passt das eigentlich aber schon ganz gut so, wobei wir können natürlich auch noch etwas anderes versuchen, wenn Ihr mögt, aber von der Richtung her ist das auf jeden Fall schon genau die Richtung, die ich mir vorstellen könnte, vertraut mir da."

Vertrauen allerdings ist tatsächlich das stärkste Mittel gegen Angst und Ego. Nur muss es dahin fließen, wo Angst und Ego sich eingefressen haben. Die Kollegen auf der Probebühne hatten ja keine Angst vor und kein Ego-Problem mit der hochstimmigen Regisseurin: Sie hatten Angst, ihrem eigenen Ego nicht gerecht zu werden.

Der Regie-Praktikantin kamen immer spürbarere Zweifel, ob sie ihre Zukunft tatsächlich dem Theater anvertrauen sollte; ich spürte immer deutlicher, dass Angst und Ego, so unterschiedlich sie auch von ihren Bühnen-Vertretern dargestellt wurden, den selben Kern teilen, der selben Energie entstammen: Mehr zu wollen, als man kann.

"Angst" begegnete dieser Energie, indem sie jeder ihr gestellten Aufgabe mit immer neuen Ausflüchten, Ausreden, Entschuldigungen und Ablenkungen auswich. "Ego" tat das selbe, nur versuchte er die ihm gestellte Aufgabe als zu klein anstatt zu groß zu erklären. Herabsetzung und Überhöhung sind gleich wirksame Ausreden der Verweigerung.

Wem muss vertrauen, wer Kunst machen will? Der Kunst. Der Kunst, die uns zu mehr macht, als wir sind. Die uns Dinge tun lässt, die wir nicht können, die mehr weiß als wir. Die uns Raum gibt und gütiges Licht, Kraft und Witz und Glanz, Tiefe und Größe.

Und vertrauen müssen wir: Uns selbst. Wir, die mit allen Schwächen, Unzulänglichkeiten, Fehlern und Begrenzungen liebenswert und schön sind, sobald wir von den Schwächen, Unzulänglichkeiten, Fehler und Begrenzungen ab- und loszulassen in der Lage sind.

Zwei Wochen nach meiner Praktikantin-Belehrung öffnete sich der Premierenvorhang; unsere Probe-Bemühungen hatten mitnichten zu einem umbuhten Flop geführt, sondern zu etwas viel Schlimmeren: einen pflichtschuldig beklätschelten Durchschnitts-Theater-Abend, der sich durch zwei Handvoll Aufführungen quälte.

Abgesetzt wurde er, weil die Darstellerin der "Angst" während der Proben schwanger wurde, ein Schicksal, das die Regisseurin zeitgleich ereilte. Der Darsteller des "Egos" hatte damit meines Wissens nichts zu tun, ob das auch für das Ego an sich galt, vermag ich nicht zu sagen.

 

Der nüchterne Marcel

(Matthias Binner, 12/17) 

Als mein bester Freund Marcel 1990 am Morgen nach dem desaströs verlaufenen Debut-Konzert unserer Schülerband Purple Haze sich eine der zur Dekoration ausgehängten Girlanden als Boa umlegte, mit der glimmenden Zigarettenspitze erschlaffte Luftballons platzen ließ und dazu in prächtigem Jim-Morrison-Bariton "Let it roll, baby, roll" sang, schien die Bourbon-Flasche in seiner Linken das einzig passende Accessoire - auch wenn es Sonntag früh war und wir selbstgelötete Mikro-Kabel vom Turnhallenboden des von uns besuchten jesuitischen "Gymnasiums besonderer pädagogischer Prägung" kratzten.

Den Abend vor seinem Entzug zelebrierten wir knapp 25 Jahre später nicht unähnlich; vom Boden abgekratzt wurden vor allem von uns im Taumeln heruntergeschmissene Pommes Frites, wobei das hinterher gekippte Bier deren Klebrigkeit schon entscheidend reduziert hatte. Das Repertoire der von Marcel besuchten und von mir beklimperten Kneipen-Band entsprach einer an Klebrigkeit reduzierten Purple-Haze-Setlist, die Mikrophonkabel hatten handgelötete Qualität, Luftballons und Girlanden wurden von endlosen E-Gitarren-Solos in die stickige Pub-Luft gezaubert, und auf ungeklärtem Wege hatte sich eine sicher nicht von mir halbgerauchte Zigarette in meine linke Hosentasche verirrt.

Gedankenschwer entfernte ich sie am nächsten Morgen von da: Glich sie in ihrer halbvergeudeten Lebenszeit nicht den Mittvierzigern Marcel und mir? Würde Marcel , der sich Monate zuvor im Suff den linken Daumen und das rechte Handgelenk gebrochen hatte - eine dunkelgelbe Karte für Berufsmusiker - im als Zugabe zur Hand-Reha getarnten Entzug wirklich lernen können, maßvoll zu trinken? Konnte ich das?

Drei Monate später saß der aus dem Entzug zurückgekehrte Marcel mit mir beim Inder um die Ecke und versuchte leidenschaftlich, mich trotz seiner Gegenwart zum Biertrinken zu animieren. Aber mir war nicht danach; zu verändert kam mir mein bester Freund vor. Drei Monate hatte er im Wald hinter den Bergen bei den Gestrandeten verbracht und sich, ihnen und den Therapeuten zu beweisen versucht, nicht alkoholkrank zu sein. Dazu gehörte, mit Bahnhofsjunkies im Kreativraum "Knocking an heaven´s door" einzustudieren; pflichtschuldig die Augen zu runzeln, wenn im Stuhlplenum mitgeteilt wurde, welcher Stuhlkreisnachbar zum zweiten Mal den Entzug abgebrochen hatte, um bei der Krankenkasse als "untherapierbar" und damit "lebenslang zu alimentieren" eingestuft zu werden; morgens und abends mit den Gestrandeten den Berg vorm Sanatorium auf und ab zu joggen, um die im Körper nörgelnden Dämonen auf einen anderen Gedanken als "Alkohol!" zu bringen. Denn vor allem gehörte zum Beweis, nicht alkoholkrank zu sein: Keinen Alkohol zu trinken. Also im Sinne von: Überhaupt keinen. Drei Monate lang nicht. Auch nicht beim Belohnungsausflug, der eine ausgewählte Gestrandetenschar ohne Aufsicht in eine Kilometer entfernte Gaststätte mit Kegelbahn geführt hatte, deren Wirt betont beiläufig die Getränkefrage in die kreidige Luft geraunt hatte. "Spezi, eine Spezi", seufzte einer, "Fass- , äh, äh, Fanta, ja" fiel einem anderen ein, dem die Bitte um eine Fassbrause schon zu heikel erschienen war.

Kein Alkohol, im Sinne von: überhaupt keinen. Drei Monate lang.

Und dann winkte der Entlassungstag. Als letzte zu überwindende Hürde stand ein Impulsvortrag einer übermotivierten Psychologin mit satten drei Wochen Berufserfahrung auf dem Programm, die die Gestrandeten mit exaltierter Predigt motivieren wollte, den Blick wenigstens momentelang von den eigenen Fußspitzen abzuwenden. "Und wenn Sie jetzt nach Hause kommen, wenn Sie jetzt nach Hause kommen", japste sie in Wahlkampflautstärke, "und: der SUCHTDRUCK kommt, was machen Sie dann? Was machen Sie dann?" Eine schwierige Frage, die sicher unbeantwortet geblieben wäre, hätte die Psychologin nicht bei ihrer Wiederholung den durchgestreckten Zeigefinger zielstrebig auf den Winterschlaf vortäuschenden Marcel gerichtet, dem die plötzliche Stille vermittelte, dass er jetzt a) etwas sagen und b) nichts Falsches sagen sollte. "Wenn Sie nach Hause kommen und der Suchtdruck kommt, was machen Sie dann?" Tja - die Wahrheit sagen, löste zumindest Aufgabe a), etwas sagen, wenn auch nicht zwingend Aufgabe b), nichts falsches sagen. "Ich, äh, wenn der Suchtdruck kommt, dann, äh - ich hol mir einen runter."

Wenn man Stille steigern könnte, fände sich ein Ausdruck für die lautlose Ungläubigkeit, die diese Antwort im Stuhlkreis auslöste. Die ohnehin bewegungslosen Körper erstarrten, die ohnehin erblassten Gesichter passten sich der Wandfarbe an, niemand wagte zu atmen.

Außer der Psychologin, die sogar vergleichsweise hörbar einatmete. "Was haben Sie da gesagt?", rhetorisierte sie jetzt pastoral, "was haben Sie gesagt? Sie HAUEN sich eine runter? Also, das ist ja wunderbar! Er HAUT sich eine runter!" "Genau", eiferten die wiederbelebten Stuhlkreissitzer ihr nach, "er haut sich eine runter, klar". "Also wissen Sie", triumphierte die Psychologin, "also wissen Sie, das ist die schönste Antwort, die ich mir vorstellen kann. Er HAUT sich eine runter, das ist ja wunderbar. Und genau das, meine Lieben, genau das machen Sie auch, wenn Sie jetzt nach Hause gehen und der Suchtdruck kommt. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute dabei!"

Ihr Glück kaum fassend machte sich die Runde ungläubig aus dem Therapiezimmer auf die Reise in die Freiheit. Es war gut gegangen, gerade noch so.

Es war gut gegangen, gerade noch so. Marcel schwieg am Ende seiner Erzählung, nachdenklich, wie ich ihn lange nicht gesehen hatte. Er gefiel mir gut.

 

 

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